Die Europäische Zentralbank (EZB) riskiert mit ihrer überraschenden Zinsanhebung nach Meinung von Experten einen Vertrauensverlust - und scheint außerdem gegen den Kursverfall des Euro machtlos zu sein. Entgegen der Beteuerungen von EZB-Chef Wim Duisenberg habe die EZB mit der Zinsanhebung vom Donnerstag vor allem der Intervention großer Notenbanken zu Gunsten des Euro vom 22. September Nachdruck verleihen wollen, sagten Volkswirte. Doch von der siebten Zinserhöhung seit November 1999 profitierte der Euro nicht, sondern fiel bis zum Nachmittag zeitweise sogar auf den tiefsten Stand seit der Intervention von knapp 0,87 Dollar.
"In der Summe hat sich die EZB mit der Zinserhöhung geschadet. Denn ohne Not hat sie ihre Reputation jetzt an die Entwicklung des Euro gebunden", sagte Jörg Krämer von Invesco Asset Management in Frankfurt. Aus der Sicht der Euro-Zone sei eine Zinserhöhung nicht notwendig gewesen, denn zumindest mittelfristig gebe es kein Inflationsproblem. Letztlich liege die Schwäche des Euro nicht so sehr an der Zinsdifferenz der Euro-Zone zu den USA. "Der Euro hat schlicht und einfach ein Vertrauensproblem", sagte Krämer.
Ähnlich äußerte sich Thomas Meyer von Goldman Sachs in Frankfurt. "Die EZB begibt sich auf gefährliches Terrain, indem sie zu einer währungsorientierten Politik übergeht." Für einen Währungsraum, der so groß ist wie die Euro-Zone, sei es wegen der benötigten Volumina sehr schwierig, bei etwaigen Interventionen einen bestimmten Wechselkurs herbeizuführen.
Einig waren sich die Analysten darin, dass die Kommentare Duisenbergs auf der Pressekonferenz kaum zur Berechenbarkeit der Notenbank beigetragen hätten. Der EZB-Chef vermied sichtlich, klare Signale zur zukünftigen Zinspolitik zu geben. Zwar habe sich der geldpolitische Horizont für ihn geklärt, doch nähere Angaben dazu wollte er nicht machen. Auch Einzelheiten über die Interventionen vom 22. September nannte er nicht. Letztlich verfolge die EZB kein Wechselkursziel, sagte der EZB-Präsident. Im übrigen habe der Zinsschritt keine Verbindung mit der Intervention der G-7-Notenbanken von Ende September, auch wenn beide Maßnahmen in die gleiche Richtung zielten.
"Die Kommentare Duisenbergs waren nicht allzu klärend. Es steigert nicht die Berechenbarkeit der EZB und hält die Diskussion über ihre Glaubwürdigkeit und Transparenz am Leben", sagte Holger Schmieding von Merrill Lynch. Unbestreitbar sei, dass die EZB auf diesem Gebiet noch Nachholbedarf habe. "Ein zusätzliches Problem für die EZB ist, dass sie als junge Notenbank mit anderen Maßstäben als etablierte Zentralbanken gemessen wird."
Am 20. September hatte der Euro ein Rekordtief von weniger als 0,8440 Dollar markiert. Zwei Tage später hatte die EZB dann gemeinsam mit anderen G-7-Notenbanken am Devisenmarkt zu Gunsten des Euro interveniert und der Gemeinschaftswährung Kursgewinne von zwischenzeitlich rund fünf Prozent beschert.
Der Zinsschritt vom Donnerstag - der Schlüsselzins wurde um 0,25 Prozentpunkte auf 4,75 Prozent angehoben - war die siebte Zinsanhebung der EZB seit November 1999. Der Euro reagierte zwar zunächst mit moderaten Kursgewinnen, gab danach aber deutlich nach. Der Markt achte auf weitere Interventionen der Notenbanken, sagten Händler dazu. Sie wollten wissen, wo für die Notenbank die Schmerzgrenze für neue Stützungskäufe liege. Duisenberg jedenfalls hatte auf der Pressekonferenz nach der EZB-Ratssitzung gesagt: "Die EZB und ihre Partner werden weiterhin die Entwicklung sehr genau beobachten und auf den Devisenmärkten angemessen kooperieren".
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