Der Ruf nach Vater Staat hilft dem Euro nicht

Von Wilfried Fuhrmann

Handelsblatt Wirtschafts- und Finanzzeitung, Düsseldorf/Frankfurt, vom 12.10.2000

Seit seiner Einführung vor zwanzig Monaten hat der Euro an den internationalen Devisenmärkten kontinuierlich an Vertrauen eingebüßt. Auch die jüngsten koordinierten Devisenmarktinterventionen und die Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank (EZB) können nichts daran ändern. Die Einheitswährung läßt sich immer schlechter vermarkten. Die Welt zahlt immer weniger Dollar oder andere Währungen für den Euro. Die europäischen Politiker haben offensichtlich ein unreifes Produkt auf den Markt gebracht. Und wer dies tut, muß Preisnachlässe akzeptieren - will er das Produkt nicht völlig vom Markt nehmen.

Die Folgen des schwachen Euros sind für uns alle spürbar - auch wenn die Exportkonjunktur derzeit noch profitiert. Wir alle müssen nun für Güter aus dem Nicht - Euro - Raum höhere Preise bezahlen und verfügen damit über eine geringere Kaufkraft. Auch einen Teil der höheren Öl- und Benzinpreise verdanken wir dem Euro. Wir müssen für dieselbe Menge an importierten Gütern mehr exportieren und mehr arbeiten. Deshalb können wir die Löhne nicht im Ausmaß der Produktivität erhöhen. Wir müssen akzeptieren, daß sich die internationale DM - Währungsgemeinschaft auflöst und sich aus ökonomischen Gründen keine Euro - Gemeinschaft bildet.

Wie läßt sich der Preisverfall des Euros stoppen ? Es gibt verschiedene wohlfeile Ratschläge. Einige schlagen Kontrollen des internationalen Kapitalverkehrs vor, ein indiskutabler, absolut falscher Weg. Andere fordern weitere Devisenmarkt - Interventionen zu Gunsten des Euros, also den Verkauf von Währungsreserven. Das aber schränkt die Unabhängigkeit der Geldpolitik ein und schadet der Glaubwürdigkeit der Zentralbank. Interventionen haben langfristig so gut wie nie Effekte. Kurzfristig beeinflussen sie die Erwartungen der Märkte nur, wenn diese insgesamt die Preisentwicklung nicht recht beurteilen können.

Es spricht im Übrigen einiges dafür, daß der Wert des Euros noch sinken kann. Die durch die Abwertungen gestiegenen Importpreise dämpfen die Konjunktur in der Euro - Zone, und in den USA ist das Wachstum anhaltend höher , die Arbeitslosigkeit geringer und die Inflationsgefahr nicht größer als im Euro - Raum. Dabei ist das Beschäftigungswunder in den USA kein Wunder. Vielmehr ist das europäische Arbeitslosenproblem hausgemacht. Wir sind jahrelang bei Innovationen, Technologie und Produktivitätsentwicklung relativ zurückgefallen. Und unsere seit vielen Jahren anhaltenden Arbeitsmarktprobleme lassen sich so lange nicht lösen, solange Politiker immer noch glauben, daß ältere Arbeitnehmer jüngeren den Job wegnehmen oder daß die Politik eine gegebene Menge an Arbeit und das Einkommen"verteilen"müsse.

Auch Vorschläge, die auf eine vergemeinschaftete Finanzpolitik mit einem EU - Finanzkommissar zielen, führen in die Irre. Notwendig ist dagegen mehr Wettbewerb, auch zwischen den Staaten. Notwendig ist zweifellos die Konsolidierung der öffentlichen Haushalte. Dabei geht es freilich weniger um eine quantitative Konsolidierung, sondern um eine qualitative. Sinken müssen beispielsweise die Ausgabenanteile für Subventionen und für den politischen Apparat. Steigen müssen die Ausgabenanteile für (Infrastruktur-) Investitionen sowie für Verbraucherschutz, Schulen und Hochschulen. Dabei darf die Finanzierung nicht immer an politisch gewünschte Projekte gebunden werden.

Die D - Mark war nicht nur dank der unabhängigen Bundesbank stark. Solange Bildung, Ausbildung und Humankapital als Hohe Werte an sich galten, solange die Leistungsstarken möglichst frei säen und ernten konnten, so lange war auch die D - Mark ungefährdet. Damals war auch selbstverständlich, daß die Unternehmen ihre Mitarbeiter weiterbildeten. Deshalb ist jetzt Vertrauen in die (eigene und gesellschaftliche) Zukunft und in den Markt - Lohn für eigene Anstrengungen gefragt.

Der Euro kommt nicht durch politischen Aktionismus wieder auf die Beine. Falsch wäre eine weitere institutionelle EU - Integration, und falsch wäre auch eine einheitliche EU - Fiskalpolitik. Der Ruf nach "Vater Staat" hilft nicht weiter. Die Politik muß ihrem eigenen Gestaltungsdrang widerstehen. Ein guter "Vater" stärkt Eigenständigkeit und Unabhängigkeit, auch die der Zentralbank. Er demotiviert nicht und belastet nicht zunehmend die - noch - immobilen Leistungsträger. Er schafft vielmehr Freiräume und fördert die Entfaltungsmöglichkeiten vor allem der kleinen und mittleren Unternehmen sowie aller Bürger.

Wenn wir dargestellt mehr Vertrauen in unsere Zukunft gewinnen - und bis dahin scheint es noch ein langer Weg zu sein - , gewinnen die Akteure an den märkten auch wieder Vertrauen. Dann erst wird der Euro eine stabile Währung mit steigendem Wert.

 

AURECON

VERMÖGENSBERATUNGSGESELLSCHAFT MBH

  Firmensitz Gauting - Handelsregister München  HRB 40415 - Geschäftsführer: Peter Odendahl 

Gründungsjahr: 1968

 

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