23.12.2000
Der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), Prof. Dr. Otmar Issing, hat vor der Illusion gewarnt, die D-Mark alleine wäre heute stabiler als der Euro. "Es gibt keinen Grund anzunehmen, die Deutschen stellten sich besser, hätten sie denn noch die D-Mark", sagte Issing in einem vorab veröffentlichten Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Von den wirtschaftlichen Daten her habe Deutschland gewiss nicht zur Stärkung des Euro beigetragen, "ganz im Gegenteil", begründete Issing dies. Die wirtschaftlichen Ergebnisse in der Euro-Zone insgesamt nannte Issing eine "Erfolgsstory". Die jüngste Erholung des Euro zeige, dass inzwischen auch die Finanzmärkte die Gemeinschaftswährung aus fundamentaler Sicht für unterbewertet hielten.
Im kommenden Jahr schwäche sich das Wirtschaftswachstum in der Euro-Zone voraussichtlich zwar leicht ab, werde aber auf hohem Niveau fortgesetzt, sagte Issing weiter. Das EZB-Direktoriumsmitglied beurteilte es in diesem Zusammenhang als "außerordentlich positiv", wie die Euro-Zone den Ölpreisschock bewältigt habe. Das Vertrauen in die Stabilität sei trotz der hohen Ölpreise erhalten geblieben, die Preise im Vergleich zu den Ölkrisen in den siebziger Jahren weit weniger gestiegen und die langfristigen Zinsen seien so niedrig wie nie zuvor. Risiken für die künftige wirtschaftliche Entwicklung bestünden vor allem im internationalen Umfeld und "nicht zuletzt in den Vorgängen in den Vereinigten Staaten". In den USA weisen viele Wirtschaftsdaten inzwischen auf eine merklich schwächere Konjunktur hin.
Zur skeptischen Einstellung der Deutschen zum Euro sagte Issing: "Ich sehe ein psychologisches Problem". Die Entscheidung, die D-Mark in einer europäischen Währung aufgehen zu lassen, habe in Deutschland stärkere Emotionen ausgelöst als in anderen Ländern. "Die Fußballweltmeisterschaft 1954 und die starke D-Mark waren die ersten Erfolgserlebnisse der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg", sagte Issing. Der Notenbanker verwies darauf, dass viele Deutsche die Existenz des Euro noch gar nicht richtig zur Kenntnis genommen haben. So führten sie die stabilen Preise beim Einkaufen auf die stabile D-Mark zurück. "Die Deutschen denken offenbar immer noch, sie hätten zwei Währungen: Eine gute, die D-Mark und eine schwache, den Euro", sagte Issing. Dabei sei die D-Mark schon längst nur noch ein Stellvertreter des Euro.
Anmerkung: Diese Analyse von Prof. Dr. Issing werden wir aufbewahren und darauf zurückkommen, wenn in einigen Jahren alle Schwächen des "Maastricht-Vertrages" zutage treten werden.
AURECON
VERMÖGENSBERATUNGSGESELLSCHAFT MBH
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