Donnerstag 22. Februar 2001
Unsicherheit über die Auswirkungen der Wechselkursfreigabe der türkischen Lira hat den Euro zum Dollar am Donnerstag zwischenzeitlich auf sein niedrigstes Niveau seit zwei Monaten gedrückt. Die Währung rutschte unter 0,9020 Dollar ab, bevor sie sich im Verlauf zeitweise wieder bis an die Marke von 0,91 Dollar erholen konnte. Händler sagten, die Devisenmärkte seien durch das Kreditengagement einiger europäischer Banken in der Türkei verunsichert. Außerdem zeigten sich viele Anleger enttäuscht von der Gemeinschaftswährung, da sie von den positiven Konjunkturdaten aus der Euro-Zone der jüngsten Vergangenheit nicht spürbar profitieren konnte. Der Euro sei zudem von dem unerwartet hohen Februar-Preisanstieg in mehreren deutschen Bundesländern belastet worden.
Gegen 19.45 Uhr MEZ notierte die Gemeinschaftswährung mit 0,9043/46 Dollar wieder rund einen halben US-Cent unter ihrer New Yorker Vortagesschlussnotiz. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte am Mittag in Frankfurt den Referenzkurs des Euro mit 0,9056 Dollar nach 0,9146 Dollar am Vortag festgelegt. Die US-Valuta verteuerte sich damit auf 2,16 (2,14) DM. Zur japanischen Währung lag der Euro gegen 19.45 Uhr MEZ bei 105,22/27 Yen nach 106,20 Yen in der Spitze. Der Dollar notierte zur gleichen Zeit mit 116,35/40 Yen nach einem vorläufigen Tageshoch bei 116,67 Yen.
Die türkische Regierung hatte in der Nacht zum Donnerstag in Ankara mitgeteilt, den Wechselkurs der Landeswährung Lira infolge der jüngsten Finanzkrise freizugeben. Im Tagesverlauf war der Kurs der Lira daraufhin deutlich bis zu 32 Prozent gegenüber dem Dollar abgerutscht, hatte sich dann jedoch wieder etwas erholt. Mit der Freigabe wollte die Regierung Analysten zufolge die in die Höhe geschnellten Geld- und Kapitalmarktsätze des Landes drücken und die kostspieligen Lira-Stützungskäufe der Zentralbank stoppen.
Die Kursschwankungen des Euro im Anschluss an die Freigabe des Lira-Wechselkurses begründeten Händler unter anderem mit Spekulation über Umschichtungen von Lira in Euro. Grundsätzlich wirkten diese zwar positiv für die Gemeinschaftswährung, doch stünden dem Vermutungen von Devisenhändlern gegenüber, europäische Banken seien mit Krediten in der Türkei engagiert. Aus Kreisen deutscher Banken hieß es jedoch dazu, deutsche Institute seien in der Türkei nur mit geringen Beträgen gebunden. Die Deutsche Bank hat beispielsweise nach eigenen Angaben ein Kreditengagement im niedrigen dreistelligen Millionen-Euro-Bereich in der Türkei. Bei diesem vergleichsweise geringen Betrag bestehe kein Grund zur Aufregung, verlautete am Donnerstag aus Kreisen der Bank.
Für einige Händler ist die Schwäche des Euro in Reaktion auf die Freigabe des Lira-Wechselkurses daher eher ein Beleg für die negative Einstellung vieler Anleger zur Gemeinschaftswährung. "Die Krise in der Türkei wird von vielen Leuten als Entschuldigung für den generellen Abwärtsdruck, der auf dem Euro lastet, angeführt", sagte ein Marktteilnehmer. Dabei gebe es keinen Grund anzunehmen, dass sich die türkischen Probleme innerhalb der kommenden fünf bis sechs Jahre unmittelbar auf den Euro auswirken werde. Die Währung leide derzeit vielmehr darunter, dass viele Anleger von der jüngsten Abwärtstendenz des Eurokurses trotz durchaus positiver Konjunkturdaten aus der Euro-Zone enttäuscht seien.
Belastet wurde der Euro Händlern zufolge im Tagesverlauf auch von der Bekanntgabe des unerwartet starken Preisanstiegs in mehreren deutschen Bundesländern. Die Jahresteuerungsraten erhöhten sich im Februar in Baden- Württemberg auf 2,7 (2,5) Prozent, in Bayern auf 2,5 (2,3) und in Nordrhein-Westfalen und Hessen auf jeweils 2,3 (2,4 und 1,9) Prozent, wie die jeweiligen Statistischen Landesämter am Donnerstag mitteilten. Von Reuters befragte Volkswirte, die im Durchschnitt mit einem gesamtdeutschen Preisanstieg im Jahresvergleich von 2,3 nach 2,4 Prozent im Januar gerechnet hatten, sind angesichts der vorliegenden Preisdaten aus den vier Bundesländern nun pessimistischer geworden. Einige Experten erwarten jetzt einen Anstieg der gesamtdeutschen Februar-Inflationsrate auf 2,5 Prozent.
AURECON
VERMÖGENSBERATUNGSGESELLSCHAFT MBH
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