Großbritannien ist zurück auf der Euro-Spur


Von Titus Kroder, London
  - Financial Times Deutschland

Seit dem Neujahrstag wiederholen sich Worte und Gesten bei den Briten auf immer gleiche Weise. Sie betrachten die Scheine interessiert, möchten aber am Pfund festhalten. Doch das ist nur die eine Seite. 

Hält man den stolzen Euro-Outsidern die neuen Banknoten vom Kontinent vor die Nase, tasten die Finger stets prüfend über die aufgedruckten Motive, aus der Nähe werden die leeren Brücken und abstrakten Architekturen studiert. Dann reichen die Betrachter die Hightech-Scheine mit dem schimmernden Silberrand aber auch schon wieder zurück, aufgebahrt auf dem mitfühlenden Satz: "Warum hat euch bloß die D-Mark nicht mehr gefallen?"

Doch so viel Reserviertheit ist nur "stiff upper lip" - der Tapferkeitsreflex, der bei Briten immer dann ausgelöst wird, wenn die Lage ausweglos ist. Tatsächlich hat die Bargeldeinführung zwischen Helsinki, Palermo, Lissabon und Dublin die 56 Millionen Bewohner der Nordseeinsel gehörig bewegt.

Zahlreiche Geschäfte und Hotels, sogar Telefonzellen und Finanzämter akzeptieren das Geld vom Kontinent bereitwillig - undenkbar in früheren Zeiten. Nordirland erwägt gar, den Euro als offizielle Zweitwährung einzuführen. "Euro Creep", die schleichende Verdrängung des Pfund durch den Euro, könnte die Briten dazu bewegen, die Gemeinschaftswährung rasch einzuführen. Die Chancen, dass Tony Blair als "Euro-Premier" in die Geschichte eingeht, sind höher als je zuvor.

Blair wittert seine Chance

Die bislang eher reservierte Stimmung auf der Straße hat sich gewandelt: "Der Weg zum Beitritt ist jetzt etwa so kurz wie der vom Wartezimmer auf den Zahnarztstuhl", feixt ein Euroaktivist vor dem Londoner Edelkaufhaus Debenhams, das seit dem 1. Januar die Gemeinschaftswährung akzeptiert. Der Mann entrollt ein blaues Euro-Symbol vor seinem Informationsstand, während im Londoner Finanzbezirk vor der britischen Notenbank eine Miniprozession von Eurogegnern mit einem schwarzen Sarg unterwegs ist, der die verblichenen Gulden, Franc, Lire und Deutschmark enthält.

Angesichts des Auftauchens von Euronoten auf der Insel in den ersten Januartagen fühlte sich die Bank of England zu einer Klarstellung bemüßigt: "Der Euro ist für uns weiterhin eine Fremdwährung." Premierminister Tony Blair nutzt das freudige Interesse der Briten am Gemeinschaftsbargeld für Propaganda in eigener Sache: "Es wäre sehr dumm, jetzt den Kopf vor dem Euro in den Sand zu stecken. Er ist eine Realität", rief er triumphierend seinen Landsleuten zu. Noch auf dem EU-Gipfel in Laeken weigerte sich ein nervöser Blair, für die Fotografen ein Euro-Starter-Kit in die Hand zu nehmen. Nach dem geräuschlosen Start des Gemeinschaftsgeldes will der 48-jährige Premier sein Europrojekt kräftig vorantreiben.

Offizielle Linie ist bislang: Bis Juni 2003 werden fünf wirtschaftliche Beitrittstests durchgeführt. Verlaufen die Tests positiv, wird eine Volksabstimmung angesetzt. Bringt das Referendum ein Ja für den Euro, kann das Parlament die Beitrittsprozedur einleiten. In der Praxis folgen noch zwei Übergangsjahre. Würden die Tests auf dieses Jahr vorgezogen, könnte Großbritannien, die viertgrößte Wirtschaftsnation der Welt, bereits Ende 2005 Euromitglied sein.

Der britische Notenbankgouverneur Sir Eddie George, selbst ein moderater Euroskeptiker, könnte sich, statt in Pension zu gehen, zu einer neuen Karriere entschließen: als Mitglied des geldpolitischen Rats der Europäischen Zentralbank in Frankfurt.

Vorsichtige Annäherung

Druckfrische Umfragen sprechen für einen zügigen Start des Euro. Obwohl die Pfund-verliebten Zeitungen nicht müde werden, gegen das neue Geld zu hetzen, verlieren die Skeptiker langsam an Boden. "Die Briten erwärmen sich für die Gemeinschaftswährung", resümiert die bislang umfangreichste Studie im neuen Jahr: Knapp 20 Prozent der Befragten wollen dem Euro sofort beitreten. Etwa 35 Prozent bekennen, sie würden beitreten, wenn die wirtschaftlichen Bedingungen stimmen. Blair hätte eine also knappe Mehrheit für den Euro bereits in der Tasche.

Tatsächlich hat der Premier noch ein hartes Stück Arbeit vor sich. Die Zustimmungsrate, die den Beitritt "politisch ohne Bedenken erlaubt", setzt Paul Whitley, Politologe an der Essex University nämlich höher an - bei rund 65 Prozent. Blair muss vor also versuchen, die vielen in der Eurofrage unentschlossenen Briten für die Gemeinschaftswährung zu gewinnen. Deren Anteil beziffert Meinungsforscher Roger Mortimore vom Mori-Institut auf bis zu 60 Prozent. "Der Zeitpunkt, mit einer Eurokampagne die Wechselwähler zu gewinnen, wäre jetzt so günstig wie nie", sagt der Demoskop.

Diesen Rat beherzigt Blair. Geschickt brachte der Premier zum Bargeldstart seine ganze Feuerkraft zum Einsatz. Seinen Europaminister Peter Hain schickte er mit der Bemerkung vor, er könne sich eine lange "Koexistenz von Pfund und Euro nebeneinander nicht vorstellen" - was die eurofeindliche "Daily Mail" als "apokalyptische Neujahrsbotschaft" wertete.

Sogar in den Reihen des vom Euroskeptiker Gordon Brown geführten Finanzministeriums wurden die Beitrittsbefürworter aktiv. Referatsleiter Gus O’Donnell, der den technischen Ablauf der fünf Beitrittstests überwachen soll, sagte vergangene Woche, es sei unmöglich, mit den Tests ein "klares und eindeutiges" Resultat zu finden. "Letztlich wird es eine politische Entscheidung" sein.

Fünf Tests

Diese Einschätzung teilen viele Fachleute. Den fünf Tests, bei denen offiziell Gordon Brown das letzte Sagen hat, liegen keine wasserdichten ökonomische Kriterien oder unbestechliche Zahlen zu Grunde. So soll geprüft werden, ob Großbritanniens Wirtschaft mit der Euro-Zone so harmoniert, dass das Land als Mitglied "Stabilität und Wohlstand" erreichen kann.

Großbritannien müsse zudem in der Lage sein, eine eigene Wirtschaftspolitik zu verfolgen. "In enger Auslegung würde das bedeuten, dass Großbritannien fern bleiben muss, weil Zinspolitik ein Teil der Wirtschaftspolitik ist", verdeutlicht Stephen Lewis von der Broker-Firma Monument Derivatives die Fragwürdigkeit der Tests. Die Vorherrschaft der Londoner City dürfe durch den Beitritt nicht untergraben werden und die Attraktivität für Auslandsinvestitionen nicht sinken, fordern die Tester weiterhin.

In der Szene der Eurobefürworter gelten derart weich gespülte Kriterien als politisches Hintertürchen, durch das man den Eurobeitritt notfalls absagen kann, sollte sich die Öffentlichkeit wieder vom Euro abwenden. Unter Fachleuten herrscht Einigkeit, dass die Wirtschaftsdaten der Euro-Zone und des Vereinigten Königreich für einen Beitritt längst ausreichend harmonieren.

Inflation und langfristige Zinsen befinden sich beinahe auf gleicher Höhe. Die oft beschworene Koppelung der Briten an die amerikanische Wirtschaft ist derzeit kaum noch wahrnehmbar. Allein in der Wachstumsrate unterscheidet sich Großbritannien, das die Maastricht-Kriterien für den Eurobeitritt spielend einhalten kann, derzeit noch deutlich von den meisten Mitgliedern der Währungsunion.

Pfund bringt Nachteile

Mehr Sorgen bereitet vielen Briten die Frage des richtigen Wechselkurses. Schon jetzt stöhnen vor allem nordirische Unternehmer darüber, dass ihnen das teure Pfund im Wettbewerb mit Firmen jenseits der Grenze Nachteile bringt. Einige Wissenschaftler glauben, dass das Pfund Sterling noch etwa 30 Prozent seines Werts gegenüber dem Euro verlieren muss, wenn Großbritannien der Währungsunion ohne wirtschaftliche Verwerfungen beitreten will. "Das Pfund ist zu stark, als dass es schon jetzt in den Euro eingeschlossen werden sollte", sagt Ökonom Lewis.

Viele Fachkollegen geben jedoch Entwarnung: Sobald ein klares politisches Signal für den Beitritt im Raum steht, komme der Kurs automatisch auf das richtige Niveau herunter. Dieses Signal wird Tony Blair trotz seiner Begeisterung für den Euro erst geben, wenn er sich ganz sicher sein kann, dass seine Landsleute seinen Kurs mit einem klaren Ja bestätigen.

Ein Nein würde den erfolgsverwöhnten Labour-Politiker von der politischen Bühne fegen. Eine dritte Amtszeit, die ihm wegen der anhaltenden Schwäche der konservativen Opposition durchaus zugetraut wird, wäre ausgeschlossen.

Dann könnte sich womöglich am Ende sein Widersacher Gordon Brown damit schmücken, den Briten den Euro gebracht zu haben. Wenn es Blair nicht schafft, bis zum Frühjahr 2003 ein Referendum zu veranstalten, rückt der Termin für eine Volksabstimmung gefährlich nah an den nächsten Wahltermin, der spätestens im Mai 2005 sein wird.

Der Premier setzt auf eine schnelle Unterwanderung des britischen Alltags durch den Euro. Spätestens in der kommenden Reisesaison werden Millionen Briten das neue Geld in den Händen halten. Schon jetzt zirkuliert der Euro in weiten Teilen der Provinz Nordirland, wo das irische Pfund bis zur Umstellung bereits als inoffizielle Zweitwährung galt.

Ein wichtiges Argument, mit dem Blair die Zauderer auf seine Seite ziehen könnte, lieferte jüngst sein Intimus Peter Mandelson: "Die Euroabneigung wird in dem Moment kein Problem mehr sein, wenn die Briten erkennen, dass unsere Euromünzen das Konterfei der Königin tragen werden."

 

AURECON

VERMÖGENSBERATUNGSGESELLSCHAFT MBH

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Gründungsjahr: 1968

 

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