Stabilität in
Gefahr
Zwei Tage nach der Bundestagswahl kam „die Katze aus dem
Sack“. Die Europäische Kommission gewährt den größten Haushaltssündern
erst einmal Dispens vom Sparen. Deutschland, Frankreich, Italien und Portugal
haben zwei Jahre länger als bisher vereinbart Zeit, Abschied vom Schulden
machen zu nehmen.
Erst 2006 statt 2004 müssen diese Länder in Brüssel
nahezu ausgeglichene Haushalte vorlegen. Kommissionspräsident Romano Prodi und
sein Wirtschaftskommissar Pedro Solbes haben damit den Rufen nach einer
Flexibilisierung der strengen Haushaltsregeln nachgegeben.
Als die Staats- und Regierungschefs den Stabilitätspakt
vor fünf Jahren gegen den Widerstand Frankreichs als Sicherheitsnetz für das
Funktionieren der Währungsunion beschlossen, ließen sie sich von der Sorge
leiten, daß nach dem Start des Großexperiments der Wille zur dauerhaften
Sanierung der Haushalte leicht nachlassen könnte. Daher verpflichteten Sie
sich, in guten wie in schlechten Zeiten die vom Maastrichter Vertrag gezogene
Obergrenze für die Neuverschuldung von 3 % des Bruttoinlandsproduktes strikt zu
respektieren. Mehr noch: Auf mittlere Sicht sollten die Etats nahezu
ausgeglichen werden. Dahinter steht die Idee vom „atmenden“ Haushalt. Während
des Aufschwungs sollen Defizite so vermindert werden, daß in der Rezession
Schulden bis zur 3 %-Grenze möglich seien.
Diese Grundregel des Stabilitäts- und Wachstumspakts
bleibt zwar auch nach dem Beschluß der EU-Behörde vom Dienstag unverändert.
Es wurde jedoch das auf dem Gipfeltreffen in Barcelona von den Staats- und
Regierungschefs beschlossene Datum für den Etatausgleich für Deutschland,
Frankreich und Portugal auf 2004, für Italien auf 2003 festgesetzt. Wer dies
als zu ehrgeizig befindet, sei daran erinnert, daß beim Start der Währungsunion
1999 noch vorgesehen war, dieses Ziel schon 2001 zu erreichen. Die vier Nachzügler
haben diese Vorgabe allerdings nie ernstlich akzeptiert. Im Gegensatz zu den
kleineren Eurostaaten haben sie es daher unterlassen, in den zurückliegenden
guten Jahren ihre Haushalte so in Ordnung zu bringen, daß sie jetzt mit einer höheren
Neuverschuldung elastisch auf die Wachstumsschwäche antworten können.
Besonders betroffen ist Deutschland, das hart an der 3 %-Grenze liegt und - wie
Portugal - mit einem Sanktionsverfahren rechnen muß.
Kaum jemand nimmt jene neue Regel zur Kenntnis, wonach die
Kommission künftig stärker als bislang zwischen zyklischen und strukturellen
Defiziten unterscheiden will. Sie möchte gewissermaßen als Ersatz für das
Hinausschieben des Ausgleichs die Eurostaaten dazu verpflichten, jedes Jahr
mindestens 0,5 % ihres strukturellen Defizits zu vermindern. Die Brüssler
Beamten sind der Ansicht, daß dies zumindest für Italien und Portugal höhere
Anstrengungen zur Folge hätte als nach der „Barcelona-Regel“. Länder mit
hoher Neuverschuldung, wie Deutschland und Frankreich sollen mehr konsolidieren.
Wenn die Konjunktur wieder anzieht, soll sich auch dies in geringeren Defiziten
niederschlagen.
Trotz dieser neuen Auflagen hat die Ankündigung der
Kommission Mißdeutungen und Zweifeln am Stabilitätswillen Tür und Tor geöffnet.
Vor wenigen Wochen wurde noch heilig geschworen, das gesamte Regelwerk nicht
anzutasten. Es gelte nicht nur für Schönwetterzeiten, sondern müsse sich
gerade in Schwächephasen bewähren. Herr Solbes war es auch, der stets davor
gewarnt hat, je nach Konjunkturentwicklung „bewegliche Ziele“ für den
Haushaltsausgleich vorzugeben. Vorbei: Schon die erste größere Konjunkturdelle
muß als Entschuldigung für die Lockerung der Haushaltsdisziplin herhalten.
Die Kommission ist damit in der nun erst recht entfesselten
Diskussion über Wert und Unwert stabiler Haushaltsregeln selbst zu einer
beweglichen Größe geworden. Frankreich und Italien, die schon in den
vergangenen Monaten den Stabilitäts- und Wachstumspakt in Frage stellten,
werden sich bestätigt sehen. Nach der Methode „steter Tropfen höhlt den
Stein“ werden sie nicht locker lassen und auch auf Änderungen am Kern des
Paktes dringen.
Bei uns haben Bundesfinanzminister Eichel und Bundeskanzler
Gerhard Schröder im Frühjahr entscheidend dazu beigetragen, daß der Damm
gegen sorgloses Schuldenmachen im Euroraum nun löchrig geworden ist. Ihre
Kampagne gegen den „blauen Brief“, den Solbes wegen des damals schon gefährlich
steigenden Defizits durchaus zurecht der Berliner Regierung zustellen wollte,
war der erste Hieb gegen die Regeln, den der Ministerrat geschehen ließ. Der
Club der potentiellen Sünder hat damit deutlich gemacht, daß er vom Frühwarnsystem
nicht viel hält. Für Frankreich und Italien war dies das Signal, noch eins
draufzusetzen.
Werden jene Kritiker am Ende recht behalten, die die
deutsche Erfindung des Stabilitätspakts von Anfang an gefährdet sahen? Noch
gibt es Politiker, die vor den zunehmenden Auflösungserscheinungen warnen. Der
niederländische Finanzminister Hans Hoogervorst gehört zu ihnen, wie auch - für
manche überraschend - sein belgischer Kollege Didier Reynders. In der Tat ist
die Gefahr nun groß, daß die gewichtigen
Euroländer den Haushaltsausgleich nicht als aufgeschoben, sondern als
aufgehoben ansehen. Schon dieser Eindruck ist schädlich für das Vertrauen der
Verbraucher und der Investoren in die Entwicklung der Europäischen Union. Die
Europäische Kommission gilt als Hüterin der Verträge. Beim Stabilitätspakt
scheint sie dieser Aufgabe immer weniger gerecht zu werden.
In diesem Zusammenhang erinnern wir an ein Werk (siehe Literaturverzeichnis zum Euro) von Frau Prof. Dr. Theresia Theurl: „Lehren aus der Geschichte - Sprengsatz war immer das Budget“. Hier untersucht Frau Prof. Dr. Theurl sechs Währungsunionen des 19. Jahrhunderts und hat festgestellt, daß das Scheitern von drei der sechs Währungsunionen, die auf Verträgen unabhängiger Staaten basierten, nämlich die gescheiterte lateinische Münzunion, die gescheiterte skandinavische Münzunion und die gescheiterte deutsch-österreichische Münzunion, ihre Ursache im unsoliden Budgetverhalten hatten.
AURECON
VERMÖGENSBERATUNGSGESELLSCHAFT MBH
Firmensitz Gauting - Handelsregister München HRB 40415 - Geschäftsführer: Peter Odendahl
Gründungsjahr: 1968
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