Wissenschaftler für Lockerung der EZB-Inflationsgrenze  

Nach fast vier Jahren Währungsunion halten Wissenschaftler die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) für verbesserungswürdig.

Die EZB sollte ihr Ziel für Preisstabilität durch einen Korridor ersetzen, der auch mehr als zwei Prozent Jahresteuerung als stabiles Preisniveau zulässt. Die Geldmenge sollte nur noch als einer unter vielen Wegweisern für die künftige Inflation genutzt werden, wie aus der am Donnerstag veröffentlichten Reuters-Umfrage unter namhaften Wissenschaftlern hervorgeht. Das oberste Ziel der Notenbank, für Preisstabilität zu sorgen, sollte nach Meinung der Mehrheit der 13 befragten Experten nicht durch ein Wachstumsziel verwässert werden. Gespalten sind die Wissenschaftler, ob die EZB mit Abstimmungsergebnissen und Protokollen der Ratssitzung für mehr Transparenz sorgen sollte.

INFLATIONSKORRIDOR WÄRE SINNVOLLER ALS STABILITÄTSGRENZE

Nach Definition der EZB ist Preisstabilität in der Euro-Zone erreicht, wenn die Jahresteuerung dauerhaft unter zwei Prozent liegt. "Die Zwei-Prozent-Grenze ist eindeutig unrealistisch und ist wiederholt gebrochen worden, auch in Phasen geringen Wirtschaftswachstums", sagte Jean-Paul Fitoussi vom französischen Forschungsinstitut OFCE. Der Wissenschaftler hält eine Inflation von mehr als drei Prozent noch für akzeptabel. Auch Charles Wyplosz vom Genfer Institut für Internationale Studien plädiert für einen größeren Spielraum von einem bis vier Prozent. Zehn der 13 Befragten halten die bisherige Definition für zu eng, die Mehrheit spricht sich für einen Korridor aus. So empfiehlt Peter Bofinger von der Universität Würzburg eine Spanne von plus/minus einem Prozentpunkt um zwei Prozent. Friedrich Heinemann vom Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) ist für 0,5 bis 2,5 Prozent. Damit würde die EZB statistischen Messfehlern Rechnung getragen und zeigen, dass sie auch Deflation als Gefahr betrachtet.

EZB SOLLTE DIE ZWEI STRATEGIE-SÄULEN ZU EINER VERSCHMELZEN

Mit einem Votum von zehn zu drei sprechen sich die Experten dagegen aus, der EZB Wachstum als gleichberechtigtes Ziel zu Preisstabilität vorzugeben wie es für die US-Notenbank gilt. Dies hätte wachsenden politischen Druck auf die EZB, die Zinsen zu senken, zur Folge, besonders in Ländern mit Wachstums- und Beschäftigungsproblemen, warnte ein Forschungsinstitut.

Nur zwei der 13 Experten, darunter das ZEW, halten es für ratsam, der Geldmenge M3 weiterhin als einer der beiden Säulen der geldpolitischen Strategie eine prominente Rolle zuzuweisen. Wyplosz anwortet auf die Frage, ob die EZB die Zwei-Säulen-Strategie aufgeben sollte: "Auf jeden Fall!" Die Geldmenge, die schon seit Mitte letzten Jahres wegen der Börsenkrise künstlich aufgebläht ist und von der EZB deshalb nicht als aktuell wirksame Inflationsquelle betrachtet wird, sollte behandelt werden wie alle anderen Indikatoren. Acht Wissenschaftler plädieren dafür, die beiden Säulen zu verschmelzen - sogar Jürgen von Hagen, der starke Verfechter einer Geldmengenorientierung vom Zentrum für Europäische Integrationsforschung in Bonn. Das Geldmengenziel sollte abgeschafft werden, aber die monetären Bedingungen sollten Teil der gesamten wirtschaftlichen Bewertung sein, rät auch Daniel Gros vom Centre for European Policy Studies (CEPS) in Brüssel.

Drei empfehlen, M3 ganz zu ignorieren, weil es bisher kein verlässlicher Gradmesser für die Inflation war. Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank und zugleich Berater des Europäischen Parlaments, hält die Geldmenge bis 2015 für vernachlässigbar. Bis die Geldnachfrage besser einzuschätzen sei, solle die EZB ein Inflationsziel verfolgen.

MEHR TRANSPARENZ DURCH PROTOKOLLE DER ZINSENTSCHEIDE?

Unterschiedlicher Meinung sind die Wissenschaftler, ob die EZB Protokolle und Abstimmungsergebnisse ihrer Ratssitzungen, so es überhaupt Abstimmungen gibt, veröffentlichen sollte. Sieben der 13 Wissenschaftler hätten gerne Protokolle. So ist Philip Lane vom Trinity College in Dublin dafür, weil er sich eine bessere Kommunikation und mehr Transparenz wünscht. Politisch argumentiert OFCE-Forscher Fitoussi: Der gesamte institutionelle Rahmen in Europa zeichne sich durch ein großes und wachsendes Demokratiedefizit aus. "Der Alltag der Bürger wird mehr und mehr von Entscheidungen geprägt, die nicht-gewählte Vertreter treffen. Das verursacht Abneigung gegen die europäische Idee."

Alles in allem sind die Wissenschaftler trotz der Kritik mit der Geldpolitik der EZB zufrieden: Auf einer Skala von eins bis zehn erhält die Zentralbank die Durchschnittsnote 6,5. Lars Svensson von der Princeton University in New Jersey gesteht der EZB gut: "Angesichts der mangelhaften Strategie ist die Leistung der EZB als ok, vielleicht sogar mit gut zu bewerten." 

 

AURECON

VERMÖGENSBERATUNGSGESELLSCHAFT MBH

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