Der Sünder
aus: Frankfuter
Allgemeine Zeitung vom 17.11.2003
Wer von eigenem Versagen ablenken will, der sucht sich
einen Sündenbock. In dieser Disziplin hat es die Bundesregierung zur
Meisterschaft gebracht. Wurde zum Jahresbeginn der Krieg im Irak oder die
schwache Weltkonjunktur als Grund für die schlechte Verfassung der deutschen
Wirtschaft genannt, so geißelt die Bundesregierung heute den europäischen
Stabilitäts- und Wachstumspakt als Ursache für die fehlende Dynamik. Das ist
gefährlich. Denn es geht um mehr als nur um ein neues durchsichtiges
Ablenkungsmanöver. Finanzminister Eichel legt die Axt an Europas Pakt. Unter
dem Vorwand einer vermeintlich wachstumsfördernden Verschuldungspolitik schickt
er sich an, nicht nur auf Jahre hinaus gegen die gemeinsamen Regeln zu verstoßen,
sondern darüber hinaus durch seine Forderung nach Neuauslegung den Geist und
den Wortlaut des Paktes zu brechen.
Natürlich paßt es nicht zur aktuellen Wirtschaftsschwäche,
von den europäischen Partnern zu weiteren Sparanstrengungen aufgerufen zu
werden. Doch warum ist denn ausgerechnet die größte Volkswirtschaft Europas
der größte Sünder und die Wachstumsbremse in der Währungsunion? Weil
Deutschland anders als die meisten anderen Länder vor der Einführung des Euro
die Staatsfinanzen nicht in Ordnung gebracht hat, weil das Sozialsystem und der
Arbeitsmarkt nicht rechtzeitig reformiert worden ist. Deshalb ist die Not heute
groß. Konjunkturimpulse, die fragwürdig sind, weil sie nur mit Flucht in immer
neue Schulden erkauft werden, helfen nicht weiter. Denn dadurch wird der Rest an
Vertrauen verspielt - und das auch noch auf Kosten der nachwachsenden
Generationen. Besser ist es, den - zugegeben - steinigen Weg einer langfristigen
Wachstumspolitik durch Sanierung der Staatsfinanzen zu beschreiten.
Deutschland sollte als Sünder auch eine Strafe akzeptieren. Die gegebenenfalls zu zahlende unverzinsliche Bareinlage wird später zurückgezahlt werden, wenn im Geiste des Paktes gehandelt wird. Diese finanzpolitische Disziplin ist notwendig, damit kein Land auf Kosten der anderen Länder in die Defizitwirtschaft entweicht. Andernfalls müßte die Rechnung für das Fehlverhalten von allen Bürgern der Währungsunion bezahlt werden: in Form einer schwachen Währung und deutlich höherer Zinsen und Inflationsraten. Wird der Pakt zu Grabe getragen, könnte auch die Währungsunion scheitern.
AURECON
VERMÖGENSBERATUNGSGESELLSCHAFT MBH
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