Ökonomen sehen Gefahren für die europäische Integration
Neumann: Niemand muß sich mehr
an Regeln gebunden fühlen / Ifo-Chef Sinn besorgt um die Stabilität
26. November 2003 wmu. Der Beschluß der europäischen
Finanzminister, die Defizitverfahren gegen Deutschland und Frankreich ruhen zu
lassen, birgt nach Auffassung führender deutscher Ökonomen nicht nur
wirtschaftlichen, sondern auch integrationspolitischen Sprengstoff. "Am
fatalsten an dieser Entscheidung ist, daß sie ein verheerendes
ordnungspolitisches Signal aussendet: Als Mitgliedstaat muß man sich an die
Regeln der europäischen Vertragswerke nicht halten, wenn sie einem nicht
passen", sagte der Bonner Wirtschaftswissenschaftler Manfred J. M. Neumann
dieser Zeitung. Das "Aussetzen" des Verfahrens komme einem Aussetzen
des Paktes gleich. "Und das ist ein klarer Verstoß gegen den
EG-Vertrag."
Das Aussetzen sei auch nicht zu
vergleichen mit einem symbolischen Anhalten der Uhr in EU-Verhandlungen.
"Es ist nichts anderes als das Signal, daß die Regeln nichts wert
sind." Auf dieses Signal könnten sich nicht nur alle künftigen
"Defizitsünder" berufen, sagt Neumann. Er befürchtet darüber
hinaus, daß sich die "Fliehkräfte" verstärken werden. "Wenn in
einem erweiterten Europa jeder die grundlegenden Vertragsregeln so auslegen
kann, wie es ihm gerade paßt, wird die gesamte EU langfristig einer Zerreißprobe
ausgesetzt", urteilt Neumann.
Wie der Bonner Ökonom ist auch
der Präsident des Münchner Ifo-Instituts Hans-Werner Sinn der Auffassung, daß
der Stabilitäts- und Wachstumspakt mit der Brüsseler Entscheidung
"tot" sei. "Niemand wird ernsthaft erwarten, daß gegen irgendein
Land künftig Sanktionen verhängt werden, wenn die größte Volkswirtschaft
ohne einen im Vertrag vorgesehenen Grund von solchen Sanktionen verschont
wird", sagte Sinn.
Er kritisierte die Entscheidung,
Deutschland keine Auflagen zu erteilen, vor allem wegen ihrer langfristigen
Auswirkungen. "Damit sind die politischen Weichen dafür gestellt, daß die
Staatsschuld in Deutschland weiter wächst." Es gehe dabei nicht nur um die
Maastrichter Schuldengrenze von 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), die
auf absehbare Zeit weiter verletzt werde. Sinn verweist auch auf das
Jahresgutachten des Sachverständigenrates, wonach die versteckte Staatsschuld,
in der auch die Zukunftsbelastungen aus den Sozialversicherungen enthalten sind,
270 Prozent des BIP betrage. "Die heutige Generation hat damit 330 Prozent
des BIP an Schulden zu schultern. Wir sind schon die künftige Generation, auf
die man keine zusätzlichen Lasten mehr verschieben kann."
Langfristig negative Auswirkungen
gehen nach Sinns Meinung auch auf die Stabilität der Euro-Wirtschaft aus.
"Genau die Stabilität, die mit dem Pakt erzwungen werden sollte und die ja
in der Vergangenheit ein Stück weit erreicht wurde, werden wir künftig nicht
mehr haben." Es drohten langfristig vor allem jene Gefahren, um deren
Verhinderung willen der Stabilitätspakt einst abgeschlossen worden sei.
"Je höher die Schulden, desto höher ist der Anreiz zu einer lockereren
Geldpolitik, um die Schulden qua Inflation wieder wegzubringen." Diese
Gefahr sei wegen der hohen Stabilitätsorientierung des derzeitigen EZB-Rats
zwar nicht akut. "Auf Dauer könnten die EU-Regierungen aber darüber
nachdenken, weniger konsequente Vertreter in das EZB-Direktorium zu
schicken."
Sinn hat überdies den Verdacht,
daß die deutsche Verhandlungsposition mit Blick auf andere Gegenstände geschwächt
wurde. "Es würde mich interessieren, welchen Preis Deutschland für diesen
Beschluß an andere Mitgliedstaaten zu zahlen hatte."
Wesentlich positiver schätzt der
Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Klaus Zimmermann,
die Ecofin-Entscheidung ein. Sie habe den Druck auf die deutsche Politik
gesteigert, zu sparen. "Jetzt müssen Regierung und Opposition ein
gemeinsames Paket schnüren, das für 2004 und 2005 Ausgabenkürzungen vor allem
im Subventionsbereich beinhaltet." Es hänge von den deutschen Politikern
und ihrem Willen zum Sparen ab, ob der Stabilitätspakt - der nicht tot sei -
glaubwürdig bleibe. Sanktionen gegen Deutschland zum gegenwärtigen Zeitpunkt wären
der falsche Weg gewesen. Zimmermann zufolge wird eine Zinserhöhung der Europäischen
Zentralbank (EZB) durch die Brüsseler Beschlüsse wahrscheinlicher. "Sie wäre
zwar ökonomisch nicht zu begründen, weil die Stabilität des Euro weder
binnen- noch außenwirtschaftlich in Frage steht. Und wer Inflationsgefahren an
der Haushaltspolitik festmacht, ist ohnehin schlecht beraten." Als
"politpsychologisches Signal" sei aber eine Zinserhöhung vorstellbar.
Eine solche Entscheidung könne die Investitionsbereitschaft im Euro-Raum und
damit auch die konjunkturelle Erholung gefährden.
Text:
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.11.2003, Nr. 276 / Seite 15
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