Menetekel über der
Währungsunion
Von Prof. Dr.
Joachim Starbatty
Die Europäische Währungsunion ist an einem Scheidepunkt
angelangt
Der scheidende Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Wim Duisenberg, warnt vor einem Scheitern des Europäischen Stabilitäts‑ und Wachstumspaktes: "Das wäre ein Desaster
für Europa." So ungeschminkt spricht nur jemand, der sich frei von politischer Rücksichtnahme fühlt. Karikaturisten sehen den Pakt schon beerdigt; am Rand des Grabes stehen gebeugt die großen Trauernden Deutschland, Frankreich und Italien, Krokodilstränen vergießend. Sogar
der Präsident der EU‑Kommission, Romano Prodi, hat
vor einem Jahr Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Pakts gesät: "Ich weiß
sehr wohl, daß der Stabilitätspakt dumm ist wie alle starren
Entscheidungen." Günter Verheugen, Mitglied der Kommission, hat diese
Kritik aufgegriffen und eine flexiblere Lesart des Pakts gefordert: Man habe bei
Verabredung und Verabschiedung des Pakts nicht wissen können, wie sich die
soziale und wirtschaftliche Lage von heute entwickeln würde.
Natürlich paßt es nicht in die konjunkturelle Landschaft,
daß sich in einer Zeit der Konjunkturschwäche die Finanzminister zu Haushaltskürzungen
gezwungen sehen und verabredete und gebotene Steuerentlastungen aufschieben müßten,
um das Defizitkriterium nicht zu verletzen, und damit die konjunkturelle
Erholung abbremsten. Warum gehören aber ausgerechnet die drei großen
Zentralstaaten zu den Sündern? Warum sind sie die Schlußlichter des europäischen
Wachstumszuges?
Der politische Sinn des Stabilitäts- und Wachstumspaktes
liegt nicht darin, hochverschuldete Mitgliedstaaten zusätzlich mit finanziellen
Bußen zu belegen und damit deren Verschuldung in die Höhe zu treiben. Er
sollte vielmehr die Mitgliedstaaten vor und nach Beginn der Währungsunion dazu
bringen, ihre Haushalte zu sanieren, indem sie ihre Sozialleistungssysteme, die
sämtlich Schönwetterkonstruktionen sind, umstellten und zugleich die
Regulierungen und Knebelungen ihrer Arbeitsmärkte beseitigten oder zumindest
lockerten.
Nichts davon ist geschehen, im Gegenteil: Neue
Regulierungen haben dem Arbeitsmarkt weitere Luft genommen und die Sozialsysteme
belastet. Im Gegensatz zu den übrigen Mitgliedstaaten, die ihre
finanzpolitischen Hausaufgaben weitgehend erledigt haben, erwarteten die größeren
Staaten offensichtlich, daß sie sich dieser Disziplin entziehen könnten, weil
sie entweder nicht auf der Anklagebank sitzen müßten oder die notwendige
qualifizierte Mehrheit zur Feststellung eines exzessiven Haushaltsdefizits nicht
zustande käme.
Sie haben wohl darauf gerechnet, daß der von Beginn an ungeliebte Stabilitäts- und Wachstumspakt beizeiten das Zeitliche segnen werde. Dieser war nachgeschoben worden, um die Mitgliedstaaten auch nach Eintritt in die Währungsunion zu finanzpolitischer Disziplin zu zwingen. Dahinter steht die Vorstellung, daß stabiles Geld und stabile Finanzen sich gegenseitig bedingen.
Läßt ein Land es an finanzpolitischer Disziplin fehlen,
so werden das die anderen als einen Freibrief für ihre eigene Defizitwirtschaft
nehmen. Hielte dann die EZB an ihrem Stabilitätsauftrag fest, so triebe sie die
Zinsen in die Höhe; zinsreagible private Investitionen würden aufgeschoben
oder sogar verdrängt; dann unterbliebe die dringend notwendige Schaffung und
Erhaltung von Arbeitsplätzen. Dies erhöhte den politischen Druck auf die EZB,
die geldpolitischen Schleusen zu öffnen, die Zinsen zu senken und Inflation zur
leichteren Bedienung und Tilgung von Staatsschulden zuzulassen. Bei aller
institutionellen Absicherung geldpolitischer Autonomie gilt doch, daß die EZB
keine Politik im luftleeren Raum betreibt, wie sogar die Deutsche Bundesbank vor
Jahren für ihre eigene Tätigkeit festgestellt hat.
Der Stabilitäts- und Wachstumspakt ist letztlich die
unverzichtbare Flankierung einer verläßlichen Geldpolitik. Dies erklärt,
warum gerade die Repräsentanten der EZB und der Deutschen Bundesbank die
Einhaltung der Regeln des Stabilitäts- und Wachstumspaktes anmahnen. Es gibt in
der Währungsunion keinen Hegemon, der die Mitgliedstaaten zu finanzpolitischer
Disziplin zwingen kann. Das paßte auch nicht zum europäischen Selbstverständnis.
Daher hängt die Qualität des Euro entscheidend von der Einhaltung
selbstgesetzter Regeln ab. Diese müssen finanzpolitisches Verhalten so steuern,
daß Politik verläßlich und berechenbar wird und sich das Vertrauen der Bürger
in den Euro festigen und vertiefen kann. Statt dessen sollen nun die Regeln dem
Verhalten angepaßt werden. Es wäre verhängnisvoll, wenn maßgebliche
Mitglieder der Kommission dazu ihre Hand reichen würden.
Wechselkursgemeinschaften und Währungsunionen können nur dann dauerhaft
bestehen, wenn die Mitgliedstaaten bereit sind, ihre nationalen Interessen
supranationalen Pflichten unterzuordnen.
Die Europäische Währungsunion ist damit an einem Scheideweg angelangt: Entweder ringen sich Frankreich, Deutschland und schließlich auch Italien dazu durch, die Regeln einzuhalten, sich dem Spruch der Gemeinschaft zu fügen und damit der Öffentlichkeit haushaltspolitische Verläßlichkeit zu signalisieren - die unverzinsliche Zwangseinlage würde im übrigen bei finanzpolitischer Disziplin zurückgezahlt -, oder die Regeln werden aufgeweicht und damit bereits bei dem ersten Konfliktfall außer Kraft gesetzt. Dann sage aber niemand, er habe es nicht gewußt: Alle Währungsunionen und Wechselkursgemeinschaften als deren Vorstufen sind auseinandergebrochen, wenn die Mitgliedstaaten deren Spielregeln aus kurzfristigen nationalen Interessen heraus nicht mehr eingehalten haben. Wie sagte Wim Duisenberg: "Das wäre ein Desaster für Europa."
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Der Autor ist Vorsitzender der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft und Professor an der Eberhard Karls Universität Tübingen.
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