14.06.2004
Abschied von
Maastricht
Eine gemeinsame europäische Geldpolitik braucht eine
gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik. Dieser Schluß ist nur teilweise
richtig. Die Europäische Zentralbank (EZB) braucht nichts mehr, als daß die
Regierungen ihre Schuldenpolitik beenden und die Geldpolitiker in Ruhe lassen.
Das ist nicht der Fall: Kurz vor der geplanten Einigung über den europäischen
Verfassungsvertrag rütteln neue Vorstöße an den Pfeilern der Währungsunion
und an der Unabhängigkeit der EZB.
Frankreichs Wirtschafts- und Finanzminister Nicolas Sarkozy
strebt eine Stärkung der Euro-Gruppe der Finanzminister der Staaten an, die der
Währungsunion angehören. „Auf Augenhöhe“ solle der Präsident dieses
informellen Klubs künftig dem EZB-Präsidenten gegenübertreten können. Das
zeugt von einem Minderwertigkeitskomplex und dem langjährigen, französischen
Wunsch nach einer europäischen Wirtschaftsregierung. Eine solche birgt die
Gefahr in sich, daß sie sich im Bemühen um die Gunst des Publikums als
Gegenspieler der EZB positioniert. Italiens Premierminister Silvio Berlusconi
will die EZB sogar unter die Kuratel eines Regierungsausschusses stellen. Sein
Ziel ist, Europas Notenbank auf einen schwachen Euro zu verpflichten, nach außen
zur Exportförderung und nach innen zur inflationistischen Wachstums- und Beschäftigungspolitik.
Diese Vorschläge gehen in die Irre. Erstens würgt die
Geldpolitik der EZB die Wirtschaft im Euro-Raum nicht ab. Die historisch
niedrigen Zinsen stützen das Wachstum; von der bisher teilweise erreichten
Preisstabilität profitieren gerade die Schwachen und die Verbraucher, deren
Einkommen und Ersparnisse bisher weitgehend nicht entwertet wurden. Zweitens könnte
eine expansive Geldpolitik die Beschäftigung, wenn überhaupt, nur dauerhaft
steigern, wenn sie die Reallöhne inflationär senkt. Auf den gewerkschaftlich
vermachteten Arbeitsmärkten im Euro-Raum würde das unweigerlich
Lohnsteigerungen provozieren und Lohn-Preis-Spiralen hervorrufen, die die
Wirtschaft lähmten. Drittens ließe schon der Verdacht, daß die EZB das Ziel
der Preisstabilität hintanstellt, die Zinsen steigen und verschlechterte die
Investitionsbedingungen. Viertens verbietet es sich im großen, vom Export
vergleichsweise unabhängigen Euro-Raum, die Geldpolitik am Außenwert des Euro
auszurichten.
Die Kritik aus Frankreich und Italien hat jedoch einen
validen Punkt. Der „policy mix“, die Mischung von Wirtschafts- und
Geldpolitik im Euro-Raum, stimmt nicht. Die Schuld daran trägt nicht die EZB,
die ihre Aufgabe der Sicherung der Preisstabilität seit 1999 erfüllt hat. Auch
hat die Notenbank mit ihrer Zinspolitik immer sensibel auf die Konjunktur
reagiert, manchmal zu sensibel. Die Schuld am mißglückten „policy mix“
liegt bei den großen Euro-Staaten, die ihren Verpflichtungen im Stabilitäts-
und Wachstumspakt nicht nachkommen. Der Verzicht auf eine entschlossene
Konsolidierung der öffentlichen Haushalte und die Zögerlichkeit der Versuche,
durch Deregulierung auch der Arbeitsverhältnisse den Markt zu stärken, schwächen
nicht nur die Wirtschaft. Sie erschweren auch die Sicherung der Preisstabilität.
Optimisten glauben, eine verstärkte Abstimmung der
Wirtschafts- und Finanzpolitik in der Euro-Gruppe könne Reformen voranbringen.
Realisten ahnen, daß mehr Koordinierung den Schlendrian nur verfestigen würde.
Gegenseitig bestärkt, dürften die großen Euro-Staaten erst recht Verständnis
füreinander aufbringen, wenn ihre Finanzpolitik aus dem Ruder läuft. Der
Unwille der deutschen Regierung, einer Schärfung des Stabilitätspakts in der
EU-Verfassung zuzustimmen, stpricht Bände. Abgestimmt dürfte man auch
marktwirtschaftliche Reformen bremsen, unter dem Deckmantel eines europäischen
Sozialmodells.
Erfolgversprechender als eine solche Koordinierung ist die
Strategie, unter dem Dach eines stabilen Euro den Wettbewerb der Regierungen zu
stärken, um so die Wirtschafts- und Finanzpolitik auf den Pfad der Tugend zu
zwingen. Diese Asymmetrie zwischen der unabhängigen Geldpolitik und der
miteinander konkurrierenden Wirtschaftspolitik ist der Kern der Wirtschafts- und
Währungsverfassung des Maastricht-Vertrags.
Der Verfassungsvertrag ändert dieses Regelwerk nach
jetzigem Stand an wichtigen Stellen. Die EU will sich nun - gegen anfänglichen
Widerwillen der Bundesregierung - auch künftig auf das Ziel der Preisstabilität
verpflichten. Die Unabhängigkeit der nationalen Notenbanken im Europäischen
System der Zentralbanken (ESZB) aber wird im Vergleich zur EZB immer noch stiefmütterlich
behandelt. Offen ist, ob die Einordnung der EZB als Organ der EU zum Einfalltor
wird für Druck auf die Geldpolitik, sich stärker dem Wachstum zu widmen.
Zur Sorge Anlaß geben vor allem die Verschiebungen im
Zusammenspiel von Geld- und Wirtschaftspolitik. Die Euro-Staaten werden ermächtigt,
ihre Zusammenarbeit auszubauen; die informelle Euro-Gruppe wird Verfassungsrang
erhalten. Der Klub kann zum Nukleus einer Wirtschaftsregierung reifen und sich
zum Gegenpart der EZB entwickeln. Es wäre blauäugig anzunehmen, daß der künftig
zweieinhalb Jahre amtierende Euro-Gruppen-Präsident die Geldpolitik nicht bedrängen
wird. Auf internationalem Parkett wird er mit dem EZB-Präsidenten um die Rolle
des „Mr. Euro“ konkurrieren. In den entsprechenden Verfassungsartikeln ist
der Verweis auf die Kompetenzen des ESZB entfallen.
Die jüngsten Vorstöße aus Frankreich und Italien fügen sich nahtlos ein in die institutionellen Veränderungen, die die EU-Verfassung mit sich bringt. Unverkennbar ist der Wille, die Geldpolitik zu schwächen. Auf dem Spiel steht die Unabhängigkeit des Systems der Europäischen Zentralbanken. Der Abschied von Maastricht gefährdet die Stabilität des Euro und den Erfolg der Währungsunion.
AURECON
VERMÖGENSBERATUNGSGESELLSCHAFT MBH
Firmensitz Gauting - Handelsregister München HRB 40415 - Geschäftsführer: Peter Odendahl
Gründungsjahr: 1968
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