Erste Ernüchterung nach knapp 100 Tagen Euro

Zu seinem Start knallten Champagnerkorken, doch knapp 100 Tage nach dem feierlichen Start des Jahrhundertprojekts Euro macht sich vielfach Ernüchterung breit. Nach dem Start kannte die neue Währung nämlich zunächst nur eine Richtung: abwärts.

Doch die Europäische Zentralbank (EZB), die seit Anfang des Jahres die einheitliche Währung für 290 Millionen Europäer kontrolliert, bestand ihre erste Machtprobe. Stur hielten die Euro-Hüter an ihrem Kurs in der Geldpolitik fest und ließen sich auch durch Bundesfinanzminister Oskar Lafontaine nicht unter Druck setzen.

Nun mehren sich jedoch die Stimmen, die erstmals eine Zinssenkung der Zentralbank erwarten.

Die Europäische Zentralbank selbst schloß ein Drehen an der Zinsschraube nicht mehr aus. «Wir sind für jede Entscheidung offen», sagte Eugenio Domingo Solans, Mitglied des Direktoriums der EZB, kürzlich unter Verweis auf die extrem schwierig einzuschätzende Konjunkturentwicklung im Eurogebiet. Eine Belebung der Konjunktur sei derzeit ebensowenig auszuschließen wie eine weitere Eintrübung, die eine Lockerung der Geldpolitik erfordern könnte.

Vor allem außerhalb der Finanzwelt macht sich die Sorge breit, ob die Euro-Pessimisten nicht doch recht hatten und die Deutschen ihre Mark gegen eine butterweiche Währung eingetauscht haben. Nach einem fulminanten Start verlor der Euro seit Jahresbeginn rund neun Prozent an Wert gegen den Dollar und unterlag damit deutlich im ersten Duell mit dem übermächtigen Greenback. Vom Euro-Allzeittief, auf das die Nato-Schläge im Kosovo die junge Währung drückten, erholte er sich inzwischen leicht. Doch bleibt der Neuling weiterhin weit von dem Kurs von 1,1865 Dollar entfernt, mit dem er Anfang Januar an der Frankfurter Börse startete.

 

Gründe für Kursverfall vielschichtig

Die Gründe für den Kursverfall sind allerdings vielschichtig. Europäische Notenbanker und Politiker verweisen zu Recht auf die unterschiedlichen Konjunkturzyklen in den USA und Europa.

Der gegen den Dollar fallende Kurs des Euros zeige mehr die Stärke der US-Wirtschaft als die Schwäche der neuen Währung, erklärte EZB-Präsident Wim Duisenberg.

Die amerikanische Konjunkturlokomotive steht mit einem Wirtschaftswachstum von sechs Prozent im vergangenen Jahr weiter voll unter Dampf. Zugleich werden die Aussichten für die europäische Wirtschaft immer düsterer. Die Europäische Kommission revidierte erst Ende März ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum im Eurogebiet auf 2,2 Prozent nach unten. Deutschland werde die Abkühlung stärker zu spüren bekommen als die meisten anderen Mitgliedstaaten der Währungsunion, schrieb die Brüsseler Behörde.

Der Ruf nach einem Eingreifen der neuen Notenbank wird da immer lauter. Auch der Chef des Internationalen Währungsfonds, Michel Camdessus, machte kürzlich Spielraum für eine Zinssenkung der Euro-Währungshüter aus. Schließlich verschafft die schleppende Konjunktur im Euroland bei historisch niedrigen Teuerungsraten Raum für einen solchen Schritt. Zumal nach dem Rücktritt Lafontaines auch die Euro-Hüter nicht den Eindruck erwecken würden, sie beugten sich politischem Druck.

Doch die EZB steckt in einem Dilemma. Senkt sie tatsächlich die Zinsen, kommt der schwächelnde Euro nämlich noch stärker unter Druck gegen den Dollar, da sich das Zinsgefälle zu den USA damit noch weiter vergrößern würde. Möglicherweise stellt die EZB allerdings die Konjunkturdaten der EU-Ländern in den Vordergrund und blickt nicht allzusehr auf den Außenwert der neuen Währung.

Einige Experten in Banken wollen bereits auf eine Zinssenkung wetten, nur die Fortsetzung des Kosovo-Konflikts stehe dem mit aller Macht entgegen.

München, 07.04.1999

AURECON

VERMÖGENSBERATUNGSGESELLSCHAFT MBH

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Gründungsjahr: 1968

 

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