12.06.1999
Auf dem Weg zum Super-Dollar
Am Ende eines eindrücklichen Vortrags in Zürich über die amerikanische, die europäische und die japanische Wirtschaft wurde Lawrence B. Lindsey, Wirtschafts-Berater des republikanischen Präsidentschaftsaspiranten George W. Bush, gefragt, welche der drei Währungen sich abwerten müßten. Lindsey antwortete ironisch: alle drei.
Er sprach damit vielen Ökonomen aus dem Herzen. Die Argumente für eine Euro-Schwäche sind hinreichend bekannt. Daß sich auch der Yen mittelfristig gegenüber dem Dollar abschwächen sollte, führt Lindsey auf das tiefe Zinsniveau in Japan zurück. Es lohne sich wieder, sich in Yen preiswert zu verschulden und in Dollar zu investieren. Solche sogenannten Carry-Trade-Spekulationen kamen nach dem Einbruch im Hedge-Fund-Geschäft letzten Herbst zum Erliegen. Sie werden aber erneut aufkommen, und den Yen schwächen.
Warum aber der Pessimismus gegenüber der US-Währung? Die Anleger bevorzugen den Dollar seit Monaten und vertrauen dem US-Markt ihr Kapital an. Der Dollar hat sich gegenüber dem Euro und dem Schweizer Franken in den vergangenen Monaten rund zwölf Prozent aufgewertet. Viele Ökonomen verfolgen den Anstieg mit endlosen Befürchtungen, daß ein Kurseinbruch, der von einem raschen Anstieg der US-Zinsen begleitet würde, jeden Tag näher rücke.
Die Skepsis gründet in wachsenden Ungleichgewichten in der US-Binnenwirtschaft. Seit sechs Jahren steigen die Konsumausgaben in den USA stärker als das Einkommen der privaten Haushalte. Je mehr sich die Lage am Arbeitsmarkt verbessert, desto mehr neigen die Verbraucher dazu, sich zu verschulden. Zudem erhöhen sich die Arbeitskosten schneller als die Verkäufe der Unternehmen und drücken folglich die Entwicklung der operativen Erträge. Dessen ungeachtet haussieren die US-Börsen angesichts der robusten Konjunktur und der tiefen Inflation. Analysten und Anleger setzen auf steigende Gewinne.
Hinzu kommt, so die Dollar-Kritiker, das rekordhohe Leistungsbilanzdefizit von $ 233 Milliarden im vergangenen Jahr. Seit 1982 schließt die Leistungsbilanz, die neben der Handelsbilanz auch die empfangenen und geleisteten Zins- und Dividendenzahlungen erfaßt, mit einem Defizit. Die Defizite spiegeln den Bedarf an ausländischem Kapital, da das inländische Kapital nicht ausreicht, um die Geldnachfrage in den USA zu decken. Seit 1987 ist das Land ein Nettoschuldner. Wie lange läßt sich das wachsende Leistungsbilanzdefizit ohne einen Vertrauensverlust der ausländischen Kapitalgeber finanzieren, fragen sich die verunsicherten Experten.
Erinnerungen an die Dollarhausse der Reagan-Jahre werden wach, als die ausländisch finanzierte Hausse des damaligen Super-Dollar eine Übertreibung entfachte und nach Jahren in einem jähen Rückschlag endete.
Der Vergleich hinkt. Erstens handelt es sich derzeit nicht um eine Kursübertreibung zugunsten der US-Valuta. Sowohl gegenüber den Währungen der wichtigsten Handelspartner der USA als auch isoliert zum Euro oder zum Schweizer Franken folgt der Kursanstieg auf eine vergleichsweise ruhige Phase. Zweitens steigt zwar die private Verschuldung, die öffentliche Hand realisierte 1998 jedoch einen Budgetüberschuß. In den achtziger Jahren finanzierten die ausländischen Kapitalzuflüsse nicht nur ein hohes Leistungsbilanz-, sondern auch ein enormes Budgetdefizit. Das sogenannte Zwillings-Defizit schwächte damals den Dollar.
Es spricht vieles dafür, daß sich die Dollarstärke fortsetzen wird. Die US-Konjunktur übertrifft auch im Fall einer leichten Abschwächung die europäische und die japanische Wirtschaftsstärke bei weitem. Die Erwartung steigender Zinsen in den USA und stagnierender bis sinkender Sätze in Europa und Japan unterstützt den Greenback ebenfalls. Die Gefahr für die Währung bildet ein möglicher substanzieller Kursrückschlag an den US-Börsen. Der Dollar folgte den US-Aktien bislang sehr dicht. Es ist jedoch wahrscheinlicher, daß die Unterschiede in der Weltwirtschaft den Abstand zwischen dem Dollar sowie dem Euro und dem Yen vergrößern werden. Aus dieser Optik hat die Kursübertreibung des Dollar noch gar nicht begonnen.
AURECON
VERMÖGENSBERATUNGSGESELLSCHAFT MBH
Firmensitz Gauting - Handelsregister München HRB 40415 - Geschäftsführer: Peter Odendahl
Gründungsjahr: 1968
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